Imponierende Stimmgewalt (Haller Tagblatt)

Geschrieben von: Barbara Ucik-Seybold Mittwoch, den 05. November 2008 um 03:00 Uhr

Geist­liche Chor­musik in St. Mi­chael mit dem Lan­des­ju­gend­chor Baden-Würt­tem­berg

Eine be­we­gende Stunde er­lebten die zahl­rei­chen Zu­hörer bei der Geist­li­chen Chor­musik in St. Mi­chael an Al­ler­hei­ligen. Der Lan­des­ju­gend­chor Baden-Würt­tem­berg und der Or­ga­nist An­dreas Will­berg waren zu Gast.

Schwä­bisch Hall. Die etwa 70 Mit­glieder des Lan­des­ju­gend­chors, be­son­ders be­gabte Sän­ge­rinnen und Sänger im Alter von 15 bis 25 Jahren, haben in ihrer Ar­beits­phase wäh­rend der Herbst­fe­rien ein Pro­gramm mit dem Di­ri­genten Dan-Olof Sten­lund ein­ge­probt, das sie in vier Kon­zerten im Land auf­führen — eines davon in Schwä­bisch Hall. Bei der Be­grü­ßung wünschte Kantor Kurt Enßle einen ein­drucks­vollen und un­ver­ge­ss­li­chen Abend. Dieser Wunsch sollte in Er­fül­lung gehen.
Das erste Stück — Kyrie und Sanctus — hat die ame­ri­ka­ni­sche Kom­po­nistin Ca­tha­rina Palmér im Jahr 2006 ge­schrieben. Das Kyrie be­gann mit zarten, fast sphä­ri­schen Tönen und mün­dete in einen ein­dring­lich fle­henden Auf­schrei „Christe elei­son“, klang ab und en­dete in großer Ruhe. Das Sanctus wurde mit Tri­an­gel­schlägen in Se­quenzen ge­glie­dert. Be­gann der Chor mit einem ge­summten „S“, so ge­wann das Stück schnell an Leben und wogte wel­len­förmig zwi­schen den Stimmen hin und her. Der So­pran stieg immer höher, und in einem ful­mi­nanten Ausruf des „Glo­ria“ en­dete diese Se­quenz mit einem Tri­an­gel­schlag.
Das Ho­sanna und Gloria be­gann mit einem viel­stim­migen Wis­pern, mün­dete in eine me­di­ta­tive Me­lodie, die durch die Kirche schwebte und zu einem in­ten­siven „Ho­sanna in ex­cel­sis“-Ruf an­schwoll.
Auf diese be­ein­dru­ckende Chor­musik folgte ein ex­pe­ri­men­telles Or­gel­stück von Oli­vier Mes­siaën: „Die Vögel und die Quel­len“ aus der Pfingst­messe 1950. Er­staun­lich, welche Vo­gel­stimmen der 22-jäh­rige Or­ga­nist An­dreas Will­berg dem In­stru­ment ent­lockte. Das Wasser wurde mit lang­ge­zo­genen vi­brie­renden Tönen sym­bo­li­siert. Das Ende zeigte mit ex­trem hohen Tönen und einem wum­mernden Bass die ganze Spann­weite an Schwin­gungen. Das nächste Stück für Orgel und Chor war wie ge­schaffen für die Kirche St. Mi­chael: Mo­tetum Ar­chan­geli Mi­chaelis von Bengt Ham­braeus, einem schwe­di­schen Kom­po­nisten des 20. Jahr­hun­derts. Das sehr be­we­gende Werk sym­bo­li­sierte mit einer wo­genden und brau­senden Orgel und einer Viel­falt des Chor­ge­sangs den Kampf des Hei­ligen Mi­chael mit dem Dra­chen: Ein­dring­lich, in vollster Laut­stärke, der So­pran in höchsten Höhen, ein Stim­men­ge­wirr, die Män­ner­stimmen in einem Sprech­ge­sang, ein­dring­li­ches Flüs­tern, an- und ab­schwel­lende Me­lodie und ein ganz leiser Schluss.
Nach diesem Feu­er­werk war bil­dete Prä­lu­dium in e-Moll von Diet­rich Bux­te­hude einen Kon­trast. Am Schluss des Kon­zertes er­klang das Kyrie und Sanctus von Frank Martin (1890-1974) aus der Messe für zwei vier­stim­mige Chöre — eine sehr me­lo­diöse, har­mo­ni­sche und ein­dring­liche Musik, die vom Chor sehr fein mo­del­liert vor­ge­tragen wurden. Vor allem die Rein­heit und Stimm­ge­walt des So­prans in den sehr hohen Lagen fas­zi­nierte.
Das Pu­blikum be­lohnte die au­ßer­ge­wöhn­liche Leis­tung der jungen Mu­siker mit lang an­hal­tendem Ap­plaus.