Langsam und spannungsvoll (Haller Tagblatt)
Geschrieben von: Monika Everling Montag, den 05. November 2007 um 15:00 Uhr
Schwäbisch Hall. Ein Chor aus lauter jungen, gut ausgebildeten Stimmen – das kann ja fast nur gut gehen. Der Landesjugendchor Baden-Württemberg war am Samstag zu Gast in der Haller „Stunde der Kirchenmusik“ in St. Michael – und erfüllte die hochgesteckten Erwartungen, die sein Name weckt.
Im Landesjugendchor in der Trägerschaft des Landesmusikrates können begabte Sängerinnen und Sänger im Alter von 15 bis 25 Jahren unter bedeutenden Dirigenten musizieren. Dabei werden sie von mehreren Stimmbildnern betreut. Bisher wurde der Chor unter anderem von Helmuth Rilling und Frieder Bernius dirigiert. Mit Dan-Olof Stenlund war der Chor jetzt in Hall.
Auffallend bei den Interpretationen des Landesjugendchores ist die außerordentlich klare Sprache – beim stets überdeutlich rollenden „R“ ist sie manchmal fast aufdringlich. Das Textverständnis jedenfalls ist gewährt, und das ist natürlich keineswegs der einzige Vorzug dieses exquisiten Ensembles.
Der Chor zeigt eine wunderbare Ausgewogenheit der Stimmen, eine sehr gute Intonation und vor allem eine große Wachheit, einen besonders intensiven Kontakt zum Dirigenten, was sehr präzise und differenzierte Gestaltungen ermöglicht.
Fließende Bewegungen
Dabei sind die Zeichen, mit denen Dan-Olof Stenlund die Sänger anleitet, gewöhnungsbedürftig: Er neigt dazu, mit runden Bewegungen zu dirigieren, bei denen auf dem Taktschwerpunkt der Arm nach oben geht und die so fließend sind, dass man sich wundert, wie die präzisen Absprachen der Sänger zusammen kömmen können. Aber sie können es; die Mitglieder des Landesjugendchores sind offenbar gut auf den Dirigenten eingespielt.
Der Chor begann sein Programm mit „Cantate Domino“ von Marco Enrico Bossi, einer massigen Komposition mit markigen Orgelklängen und vielen Unisono-Stellen im Chor. Bei drei Motetten von Heinrich Schütz konnte der Chor dann mehr Gestaltungskraft zeigen: Den Beginn von „Die mit Tränen säen“ intonierte er sehr zart. Ein extrem langsames Tempo wählte Dan-Olof Stenlund für die Schütz-Motette „Selig sind die Toten“; trotzdem hielt der Chor die ausgedehnten Spannungsbögen.
Drei geistliche Volksgesänge von Oskar Lindberg zeigten eine typisch skandinavische Tonsprache. Und schließlich bot der Chor mit Max Regers höchst anspruchsvollem Werk „Ach, Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn“ ein innig gestaltetes, flehentliches Gebet, für das Stenlund ein sehr langsames Tempo wählte.
Carsten Wiebusch ergänzte das Programm mit Orgelwerken; Buxtehudes Präludium in fis-Moll spielte er so frei im Tempo, dass nicht immer deutlich war, ob das Stocken gewollt war; Brahms’ Präludium und Fuge g-Moll dagegen interpretierte er hörbar souverän und klanglich vielgestaltig.